Die Presseschau von Dienstag, dem 10. Januar

Die geplatzte "Hochzeit" zwischen Beppe Grillos Fünf-Sterne-Populisten mit Guy Verhofstadts europäischen Liberalen sorgt für beißende Schlagzeilen und Kommentare. Ansonsten dreht sich alles um Verkehr: Stellenabbau bei Infrabel, ein Monsterstau in Brüssel und die schizophrene Haltung der Belgier zur Geschwindigkeit.

Ex-Premier Guy Verhofstadt

Der ehemalige belgische Premier und jetzige Brexit-Beauftragte des EU-Parlaments Guy Verhofstadt

„Nicht fünf Sterne, sondern null Sterne für Verhofstadt“, titelt De Standaard. „Europäischer Abgang für Verhofstadt“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. Der belgische Altpremier muss heute beißende Schlagzeilen über sich ergehen lassen. Inzwischen ist Guy Verhofstadt ja Fraktionschef der Liberalen im Europaparlament. Und in den letzten Tagen gab es da einen heftigen Flirt mit der Fünf-Sterne-Bewegung des italienischen Populisten Beppe Grillo.

Verhofstadt hätte die Fünf-Sterne-Bewegung gerne in seine Reihen aufgenommen, um seine Fraktion zahlenmäßig zu verstärken. Hintergrund ist wohl auch, dass er für den Vorsitz des EU-Parlaments kandidiert. Problem war und ist allerdings, dass die Fünf-Sterne-Bewegung offen europafeindliche Positionen einnimmt. Deswegen wurde Verhofstadt am Ende auch von seinen Fraktionskollegen zurückgepfiffen.

„Die seltsame Hochzeit ist ins Wasser gefallen“, so fasst es Het Belang van Limburg zusammen.

Guy Verhofstadt hat sich von seiner zynischen Seite gezeigt, meint Le Soir in seinem Leitartikel. Um sein Ziel zu erreichen, nämlich wider Erwarten doch der Nachfolger des bisherigen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz zu werden, sind ihm offenbar alle Mittel recht. Dabei kann die Fünf-Sterne-Bewegung durchaus als der Gegenentwurf dessen durchgehen, wofür Verhofstadt bislang stand.

Nur zur Verdeutlichung: Die Fünf-Sterne-Bewegung gehörte bislang derselben Fraktion an wie die britische UKIP-Partei, die maßgeblich für den Brexit mitverantwortlich ist.

Vom glühenden Idealisten zum von Ehrgeiz zerfressenen Opportunisten

„Der Idealist ist vom Sockel gestürzt“, so denn auch das beißende Urteil von L’Echo. Verhofstadt hat sich immer als glühender europäischer Föderalist präsentiert. Die Fünf-Sterne-Bewegung paktierte ihrerseits bislang mit EU-feindlichen Kräften und plädiert zudem für ein Referendum über einen möglichen Ausstieg Italiens aus der Eurozone.

Dass Verhofstadt dennoch die Partei von Beppe Grillo in seine Fraktion aufnehmen wollte, hat für regelrechte Bestürzung unter seinen Kollegen gesorgt. Und lieferte zugleich den Beweis, dass Idealisten eben auch je nach Interessenlage zu gewöhnlichen Pragmatikern werden können.

Für Het Laatste Nieuws ist all das wohl der Anfang vom Ende: „Exit Verhofstadt“, schreibt das Blatt in seinem Kommentar. Die Glaubwürdigkeit ist dahin. Oder hat Verhofstadt wirklich geglaubt, dass der notorische Fleischfresser Beppe Grillo über Nacht zum überzeugten Veganer würde?

Als seine Fraktionskollegen ihn zurück gepfiffen haben, haben sie ihn zugleich als politischen Opportunisten bloßgestellt, der, blind vor Ehrgeiz, liberale Werte verramschen wollte.

Stellenabbau bei Infrabel und Geisterfahrer wegen Monsterstau

Beängstigende Schlagzeile auf Seite eins von L’Echo: „Infrabel will 4.000 Stellen abbauen“, schreibt das Blatt. Hintergrund ist die Zusammenlegung einiger Filialen des Schienennetzbetreibers. Der Arbeitsplatzabbau soll aber über „natürliche Abgänge“ erfolgen.

Einige Zeitungen befassen sich mit dem gestrigen Chaos auf den Brüsseler Straßen. Le Soir fasst es auf Seite eins treffend zusammen: „Die Hauptstadt war mal wieder gelähmt wegen eines einzigen simplen Vorfalls“, schreibt das Blatt. In einem Technikraum im Rogier-Tunnel hatte es einen Brand gegeben.

Auf der Petite Ceinture, also dem Straßenring rund um das Stadtzentrum, gab es in der Folge einen Monsterstau. Einige Autofahrer verloren die Geduld, machten kehrt und versuchten in Gegenrichtung aus dem Stau herauszukommen. „Und die Polizei will Hunderte dieser Geisterfahrer nicht mal bestrafen“, ärgert sich Het Laatste Nieuws auf Seite eins.

Ein Polizeisprecher erklärt jedenfalls, dass man Verständnis dafür habe, dass die Leute mit ihrer Geduld am Ende waren.

„Vollgas geben darf nur ich“

Stichwort Verkehrssicherheit: Einige Zeitungen beschäftigen sich heute mit der jüngsten Studie des Belgischen Instituts für Verkehrssicherheit (IBSR). Die weist auf eine schizophrene Haltung der Belgier in punkto Rasen hin. Beispiel: Acht von zehn Befragten sind der Ansicht, dass überhöhte Geschwindigkeit in ihren Vierteln ein Problem darstellt. Zugleich geben sieben von zehn Befragten zu, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit immer mal wieder zu überschreiten.

Das Fazit von De Morgen: „Vollgas geben darf nur ich“. Het Laatste Nieuws will seinerseits den Belgiern ins Gewissen reden: „Wie wäre es denn damit, jetzt auch mal volle Kanne konsequent zu sein?“

De Standaard liefert auf Seite eins einen möglichen Erklärungsansatz: „Die Behörden ermuntern eigentlich zu schnelles Fahren“, zitiert das Blatt einen Experten. Problematisch ist für ihn der in Belgien geltende Toleranzspielraum. In anderen Ländern sind 50 km/h eben 50 km/h; in Belgien darf es auch ein bisschen mehr sein. Und das führe dazu, dass Autofahrer die Grenzen ausreizen wollen.

Die Mentalität in diesem Land muss sich endlich ändern, fordert Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Überhöhte Geschwindigkeit ist für den Belgier immer noch ein Kavaliersdelikt.

Das konstante Flirten mit den Obergrenzen hat etwas Rebellisches an sich, entspricht irgendwo unserer belgischen Anarcho-Seele. Da bleiben nur noch die Daumenschrauben. Und die Streckenabschnittskontrollen, auf die die zuständigen Stellen jetzt noch verstärkt setzen wollen, sind da wohl die beste Lösung.

Was für ein Armutszeugnis, findet L’Avenir. Ist es wirklich so, dass den Belgier am Ende allein die Angst vor dem Polizisten zur Vernunft bringen kann? Und man darf gar nicht darüber nachdenken, ob diese Feststellung auch für andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gilt.

Audiobeitrag

Die Presseschau von Dienstag, dem 10. Januar 2017MP3

Roger Pint - Bild: Thomas Samson (afp)

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150