Kommentar: Wir im Osten – Worum es bei der Standortmarke Ostbelgien geht und worum nicht

In dieser Woche ist die neue Standortmarke Ostbelgien offiziell lanciert worden. Das bislang propagierte Kürzel DG wurde eingemottet. Mit dieser Wahl hat die Regierung vieles richtig gemacht, findet Stephan Pesch in seinem Kommentar. Doch solle sie sich und die Ostbelgier auch nicht überschätzen.

Stephan Pesch, Leiter des BRF-Studios in St. Vith

Stephan Pesch, Leiter des BRF-Studios in St. Vith

Machen wir uns nichts vor. Die mögliche Verwechslung der DG mit Dolce & Gabbana oder mit der Abkürzung für „Dachgeschoss“ ist ein vorgeschobenes Argument. Denn warm wurden die Bewohner der Deutschsprachigen Gemeinschaft nie mit diesem Kürzel. Zu viel Institution, zu viel Vereinnahmung, zu wenig Lebensgefühl.

Genau an diesem Punkt haben sich Regierung und Ministerium diesmal clever angestellt. Sie haben einen Begriff genommen, der sich im Sprachgebrauch längst durchgesetzt hat und vor allem: der positiv besetzt ist. Auf die Frage, was Ostbelgiern zu Ostbelgien einfällt, kommt spontan: Familie, Freunde… kurz: Heimat. Ein diffuser Begriff, nicht klar abgegrenzt, weil jeder damit etwas anderes verbindet.

Genau so verhält es sich mit dem Begriff Ostbelgien. Weil er sich nicht nicht einmal geographisch ganz genau festlegen lässt, passt er ganz gut zum Lebensgefühl und zur Lebenserfahrung vieler Menschen hier.

Ob das dann gleich bedeutet, dass der „durch Grenzen geprägte“ Ostbelgier so „weltoffen“ ist, wie es beim Markenbildungsprozess herausgekommen ist, sei dahingestellt: Da lassen sich genügend Gegenbeispiele finden. Und dass der maßgeschneiderte Anzug vom „Kosmopoliten auf dem Land“ nicht jedem Ostbelgier passen möchte, wurde ausgerechnet bei der Auftaktveranstaltung im St. Vither Triangel vom bodenständigen Mutterwitz der Klinikdirektorin Ingrid Mertes entlarvt.

Sie war zusammen mit ausgesuchten Vertretern aus Wirtschaft, Sport und Kultur auf ein Podium eingeladen worden, das hochkarätig besetzt war. Aber bei allem Respekt: nicht wirklich repräsentativ für die 77.000 Bewohner in diesem „wundersamen Landstrich im Herzen Europas“. So heißt es es im offiziellen Präsentationsfilm und weiter ist die Rede von einer „kleinen Gruppe von besonderen Menschen, die aus scheinbaren Paradoxen bestehen: tief mit ihrer Heimat verwurzelt und trotzdem sehr flexibel“, und „überhaupt sehr anpassungsfähig“. Wahrgenommen würden sie als „fleißige Genießer oder so etwas wie deutsche Franzosen oder die europäischsten aller Europäer.“

Dass hier etwas dick aufgetragen wird, ist ja in Ordnung. Schließlich soll die neue Marke anziehend wirken auf Investoren, Unternehmensgründer, Fach- und Führungskräfte. So wird das Entwickeln der Marke begründet. Sie legt fest, wie die Zielgruppen Ostbelgien und seine Bewohner in Zukunft wahrnehmen sollen. Und die Bewohner sich selbst.

Hier liegt die eigentliche Schwierigkeit. Aus der Summe aller Teile mögen die Markenentwickler erfreulicherweise schließen, dass der typische Ostbelgier offen, modern und kooperativ ist. Er hat aber auch andere Seiten.

Wobei: den Ostbelgier gibt es genauso wenig wie den Wallonen und den Flamen. Wie den Eupener, den Kelmiser oder den Eifeler. Das spielt beim Standortmarketing aber keine Rolle. Es geht davon aus, dass die Marke, in diesem Fall „Ostbelgien“, mit neuen Inhalten gefüllt werden kann. Überzeugt werden müssten davon vor allem die Ostbelgier. Und wenn es der Regierung gerade darum geht..?

Stephan Pesch - Bild: BRF

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8 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    Den „Ostbelgiern“ ist in den letzten 100 Jahren mehrmals zwangsweise eine Identität „übergestülp“ worden, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen.
    Dies führte bei Generationen von Ostbelgiern zu einer fast schon schizophrenen Identititätskrise.
    Auch diesmal sind die „Ostbelgier“ mal wieder nicht um ihre Meinung gefragt worden, auch wenn es glücklicherweise nicht wieder um die Frage der Nationalität geht.
    Aber es geht bei der neuen Standortmarke ja wohl weniger um die Menschen, als um Corporate Identity, Markenbildung und Marketing.
    Als Argument wurde immer wieder das angeblich sperrige „DG“ angeführt, mit dem außerhalb dieser DG kaum jemand etwas anzufangen weiß.
    Es darf bezweifelt werden, dass diesmal mit OB der große Wurf gelungen ist.
    Wichtiger als mit einem Begriff anziehend auf Investoren, Unternehmensgründer, Fach- und Führungskräfte zu wirken wäre es, die Menschen vor Ort in einen solchen Prozess einzubinden, denn weder Standortmarken noch Identitäten lassen sich verordnen.

  2. Nicola Wickert

    Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht ganz, warum es bei DG oder OB ein „entweder – oder“ geben soll. Wir leben in Ostbelgien, ja klar (aber das tun die Bewohner von Malmedy auch!). Und wir sind nach wie vor Teil der Gemeinschaft der Deutschsprachigen Belgier, ebenso klar. Das ist als eine kulturelle Zugehörigkeit sicher eindeutiger denn als eine geografische Zuordnung. Hier lag beim Begriff „DG“ vielleicht das Problem. Von außerhalb betrachtet ist „Ostbelgien“ natürlich besser zu lokalisieren. Aber warum diese kulturell-sprachliche Zugehörigkeit jetzt so ganz wegfallen soll…?

  3. Damien Francois

    Ganz einfach Nicola: Es geht darum, bestehende, tradierte Kulturen (wenn das nicht überdeutlich ist) auszumerzen. Es geht darum eine einheitliche McWelt künstlich zu erschaffen. Überall sollen die Menschen gleich geschaltet sein, egal wie ihre Wurzeln sind; weg mit „Rassen“, weg mit „Geschlecht“ (und Biologie), weg mit… Kulturen. Vor 20 Jahren las ich das Buch „The McDonaldization of Society“ (Ritzer). Was mir damals noch als Bedrohung erschien ist heute Alltag geworden, und wird mit allen Mitteln durchgeboxt. Durch die Globalisierung wird die Welt ärmer. Und gefährlicher, unlogischer und unsinniger. Du kannst jetzt so weiter machen, „Positives“ wirst du wohl kaum auflisten können, fürchte ich. Die großen Institutionen (UNO, IWF, WELTBANK, EU, usw.) bauen mit Hilfe der großen Konzerne diese McWelt auf, und die „Weltbürger“ darin werden zu Konsummaschinen getrimmt. Der „Reisfladenstreit“, zBsp: In Belgien sollen wir gefälligst Donuts und Brownies essen! Gleichzeitig aber, die Islamisierung. Wie passt das alles zusammen?

  4. Dieter Leonard

    Sie treffen den Nagel auf den Kopf Frau Wickert.
    Es geht auch – vielleicht sogar in erster Linie – um die Frage der sprachlich-kulturellen identität. Denn allein hierauf fußt die Daseinsberechtigung der politischen Autonomie unserer Gemeinschaft.

  5. Jean-Pierre DRESCHER

    Ich möchte nicht, dass unsere Deutschsprachige Gemeinschaft reduziert auf Profitaspekte als „ob“ verkauft wird. Und schon gar nicht als „ob“ für eine „Schnappsidee“ auf dem Bierdeckel.

    Erstens haben Generationen von Menschen hier dafür gekämpft, dass wir nicht unserer kulturellen Identität beraubt werden und zweitens hat die Wirtschaft dem Menschen zu dienen anstatt umgekehrt.

    Unsere Deutschsprachige Gemeinschaft hat DG zu bleiben, basta!

  6. Dieter Leonard

    … oder besser Herr Wickert 😉

  7. Siebo M. H. Janssen

    Moin,

    ich habe DG immer als administrativ-politische Einheit begriffen: eben die Deutschsprachigen – neben Frankophonen und Niederländischsprachigen – eine von drei Sprachgemeinschaften mit bestimmten Kompetenzen innerhalb des Föderalstaats Belgien. Ostbelgien betont hingegen die Zugehörigkeit zu Belgien stärker, macht aber auch deutlich, dass da etwas Eigenes hintersteckt, etwas das zwar Belgien ist – aber so besonders wie die anderen Landesteile Belgiens. Ich finde Ostbelgien eine gute Wahl – gerade auch im Bezug darauf, dass man ja in Eupen auf dem Weg zur vierten belgischen Region ist. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte das Kind einen neuen Namen gebraucht – und Region Ostbelgien hört sich doch nicht schlecht an. Ostbelgien ist eine gute Wahl – es steht für die belgische Identität wie auch das Eigene und suggeriert zugleich Offenheit. Einheit in Vielfalt – in Belgien wie in Europa: dafür ist Ostbelgien ein guter Ansatz.

    Herzliche Grüße aus Bonn,

    Siebo M. H. Janssen
    Politikwissenschaftler/Historiker

  8. Dieter Leonard

    @ H. Janssen
    Im Unterschied zu den Bezeichnungen der anderen Regionen sagt „Ostbelgien“ – abgesehen von einer geografischen Zuordnung – nichts darüber aus, was diese Gemeinschaft oder Region charakterisiert.
    Ostbelgien ist zudem rein geografisch größer als die 9 zur Deutschsprachigen Gemeinschaft gehörenden Gemeinden, da auch Weismes und Malmedy in Ostbelgien liegen, nicht jedoch in der DG.
    Ein „Ostbelgisches Parlament“, ein „Ostbelgisches Ministerium“, ein „Ostbelgisches Arbeitsamt“… wären rein faktisch unkorrekte und widersprüchliche Bezeichnungen und würden nur weitere Unordnung in einen ohnehin schwer verdaulichen belgischen Staatsaubau bringen.
    Die politisch-administrative Eigenständigkeit der Deutschsprachigen im Belgischen Staat ist einzig der sprachlich-kulturellen Eigenheit unserer Region geschuldet.
    Die Opportunität einer Standortmarke „Ostbelgien“ zwecks besserer kommerzieller Vermarktung von hier ansässigen Unternehmen, Betrieben, dem Tourismus, … will mir durchaus einleuchten.
    Für die Bezeichnung der Instanzen und Einrichtungen im Rahmen unserer politischen Autonomie ist „Ostbelgien“ denkbar ungeeignet.

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