Kommentar: Marketing mit Trinkspruch ist eine Schnapsidee

Bierchen und Schnäpschen zum Karneval - das ist nur ein Aspekt der Geselligkeit in Ostbelgien. Ein Charakterzug, der sich ganz prima zu Marketingzwecken nutzen lässt, finden das Ministerium und die Regierung der DG. Das hiesige Trinkverhalten haben sie zum Teil ihrer neuen "Standortmarketing-Strategie" gemacht. Eine echte Schnapsidee, findet Simonne Doepgen in ihrem Kommentar.

BRF-Redakteurin Simonne Doepgen

BRF-Redakteurin Simonne Doepgen

Wer in den letzten Wochen in ostbelgischen Kneipen unterwegs war, hat sicherlich schon sein Getränk darauf abgestellt: Auf den neuen Bierdeckeln der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Auf ihnen ist zu lesen: „3… 2… eins trinken. Ostbelgien. Das kann nicht jeder.“

Auf der Rückseite dann die Aufforderung sich einen Spruch für Ostbelgien einfallen zu lassen: „Einfach lostexten. Name drauf und an der Theke in die Sammelbox werfen. Die besten Sprüche werden gedruckt!“

"3... 2 ... eins trinken." Bierdeckel

Diese Thekensprüche sollen dann in Print- und Digitalmedien des Ministeriums der Deutschsprachigen Gemeinschaft verwendet werden. Prost zusammen.

Wir erinnern uns: Im letzten Herbst wurde das Thema Standortmarketing für die DG öffentlich gemacht. Der Begriff „DG“ sei sperrig und deshalb schwer zu vermarkten. Besser soll „Ostbelgien“ sein. Eine Berliner Marketingagentur erhielt den Auftrag „Ostbelgien“ zu einer echten Marke zu machen. 100.000 Euro flossen dafür von Eupen nach Berlin. Nach Berlin! Kennen deutsche Kreative die ostbelgische Seele besser als wir selbst?

Wie dem auch sei. Mitte März sollen die Resultate dieser „Markenfindung“ vorgestellt werden. Erste Appetithäppchen gibt es aber schon jetzt: Eben an der Theke in Form von Bierdeckeln. Die Idee ist eigentlich gar nicht so verkehrt, will man viele Leute erreichen. Doch ist es wirklich das geeignete Kommunikationswerkzeug für die öffentliche Hand?

Das gesellige Zusammensein sei typisch für Ostbelgien, erklärt es der Referent für Standortmarketing im Ministerium, Daniel Niessen. Und fügt hinzu: In geselligen Runden entstünden schließlich gute Ideen. Und auf den Bierdeckeln müsse ja nicht immer ein Bier abgestellt werden. Genau. Eine alte Weisheit lautet schließlich: Ein Bier, ein Wasser.

Wer bei der Spruchaktion mitmacht, muss sich in Sachen Datenschutz auf der Seite des DG-Ministeriums unter dglive.be mit der Verwendung seiner Daten einverstanden erklären. Auf derselben Seite also, wo auch sonst alle Dienste der Gemeinschaft gebündelt werden. Soziales und Tourismus, Wirtschaft und auch Gesundheit… ganz genau. Gesundheitsvorsorge gehört dazu. Einen Klick weiter findet der Besucher die Rubrik „Sucht & Drogen“. Hier ist zu lesen: „Ein wichtiges Anliegen der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist, Suchtverhalten vorzubeugen (…) Priorität haben derzeit die legalen Drogen Alkohol und Tabak, da eine Studie ergab, dass diesbezüglich in der DG besonderer Handlungsbedarf besteht. (…)“

Ganz genau. Das Trinkverhalten der Ostbelgier ist ausgeprägt. Das machen wir uns zunutze, denken Regierung und Ministerium. Gleichzeitig aber gilt es, Zitat „dem Suchtverhalten vorzubeugen“. Ohje. Was denn nun? „Eins trinken“ steht da auf den Bierdeckeln der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Nein, nein. Nicht nur eins. Am besten drei oder zwei. Und dazu auch noch schnell. Wie beim Thekensport eben: „3… 2… eins trinken!“

Ja, Regierung und Ministerium haben erkannt: Standortmarketing ist wichtig. Besonders für eine kleine Region. Doch dass das ostbelgische Trinkverhalten für die „Dachmarke Ostbelgien“ werben soll, dürfte bei vielen für einen echten Kater sorgen.

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Kommentar: Marketing mit Trinkspruch ist eine Schnapsidee - Simonne DoepgenMP3

Simonne Doepgen - Bild: Achim Nelles/BRF

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7 Kommentare
  1. Norbert Schleck

    „Doch dass das ostbelgische Trinkverhalten für die „Dachmarke Ostbelgien“ werben soll, dürfte bei vielen für einen echten Kater sorgen.“

    In der Tat, aber in solchen Sachen ist die Politik immer schon widersprüchlich gewesen. Um Glaubwürdigkeit bei Suchtvorbeugungskampagnen hat man sich nie Sorgen gemacht. Man denke nur an den Streit um die Tabakwerbung in Francorchamps.

    Ich habe diesen Kommentar heute Abend zufällig im Radio gehört. Kompliment. Sie bringen es auf den Punkt, Frau Doepgen!

    In diesem Sinne: Prost Ostbelgien! Das kann nicht jeder. Saufen für einen guten Zweck.

  2. Jean-Pierre DRESCHER

    Ganz davon zu schweigen dass unsere Deutschsprachige Gemeinschaft nicht „ob“ ist, müssen wir uns als Deutschsprachige Menschen mit Charackter nicht auf dieses primitive Niveau begeben!

  3. Frank Bosch

    Das kann nicht jeder? Ministerin Marie-Martine Schyns hat’s doch gerade erst bewiesen, sogar schon zweimal…. 😉 😉 😉 Kann ja mal vorkommen, aber darf/muss die DG ausdrücklich dazu auffordern ???
    Ehrlich, den Spruch find‘ ich sowas von bekloppt und kontraproduktiv !!! Wo bleibt hier der Aufschrei der Suchtvorbeugung (DG-Zuständigkeit) und der AA ???

  4. Alfons VELZ

    Wenn der oben abgebildete Bierdeckel der einzige wäre, würde ich Ihnen zu 100% Recht geben, Frau Doepgen. Der Deckel kann in der Tat missgedeutet werden. Einige andere Appetithäppchen als Vorreiter zum Start des Ostbelgien-Marketings Mitte März gefallen mir persönlich auch viel besser, etwa „Das Leben ist ein Geben und Holen“ oder „Jeden Tag über den höchsten Berg Belgiens“ oder „Fritten für um hier zu essen …“ Nebenbei bemerkt: Ich erinnere mich an Zeiten, wo der BRF in Jugendsendungen „Kleine Feiglinge“ als Belohnung für richtig beantwortete Preisfragen verschickte … Aber lassen wir das … es geht SICH ja schließlich nicht darum 😉 Ich bin allerdings sehr gespannt auf die Sprüche, die bei der Teaser-Aktion letztlich noch herauskommen werden, Sie auch ?

  5. Josef Stoffels

    Dieses Ostbelgien-Marketing auf Bierdeckeln ist provinziell, engstirnig und nicht zuletzt peinlich! Und parallel dazu der heuchlerische Aufruf zum Kampf gegen den Missbrauch von Drogen, deren verbreitetste hierzulande nach wie vor der Alkohol ist. Wie ernst es den Politikern damit gemeint ist, sieht man, wenn sie selbst, um den Schulterschluss mit dem Bürger zu suchen, bei Festen ausgiebig mittrinken. So mancher Politiker der DG hat ein echtes Alkoholproblem, ganz nach dem Vorbild eines Michel Daerden oder eines Jean-Claude Juncker. Und viele Bürger lassen unseren gewählten Volksvertretern dies nicht nur als Kavaliersdelikt oder menschliche Schwäche durchgehen, sondern empfinden es sogar noch als sympathisch und volksnah: Wer kein Bier trinkt, ist halt kein Vereinsmensch, bekam ich vor Jahren an der Theke einer ostbelgischen Fußballkantine zu hören. Und jedes Fest endet in Ostbelgien halt an der Theke.
    Großes Kompliment an Sie, Frau Doepgen, für Ihren resoluten Einspruch!

  6. Jean-Pierre DRESCHER

    Danke an Euch, Herr Velz, Stoffels und Bosch, Sie sprechen mir aus der Seele. Was hier in der einst vorbildlichen Deutschsprachigen Gemeinschaft („ob“) läuft, geht auf keine Kuhaut. Das Niveau einiger Dorfrepräsentanten ist dermaßen primitiv geworden, wie man es sonst nur von Berufsalkoholikern, deren Namen hier schon genannt worden sind, aus den Kreisen der EU-Kommission oder dem tiefsten Busch der Wallonie kennt.

    Meiner Meinung nach ist die Untergrenze der Legalität spätestens dann erreicht, wenn Föderalpolitiker als Vorbild der hierzulande sowieso schon durch und durch mit RTL und Gewaltaffinität verdorbenen Jugend öffentliche Alkoholexzese treiben bzw. durch welche Art auch immer zum Konsum von Alkohol aufrufen.

    Das Produkt dieser gesellschaftszersetzenden Alkohol- und Drogenekzesse kann man jedes Wochende auf jeder „zünftigen“ Kirmesschlägerei in der Eifel oder neuen Monate danach in den Kreissäälen der Krankenhäuser (Begriff „Unfall“), bzw. Jahre danach in der Suchtklinik (gescheiterte Ehe) bewundern.

    Frau Doepgen, zeigen Sie auch weiterhin Courage dagegen!

  7. Martina Recker

    In der DG gibt es mit Sicherheit genügend kompetente Agenturen, die den Auftrag hätten abwickeln können. Außerdem wäre es in meinen Augen mehr als korrekt gewesen, wenn solch ein Budget in der DG bleiben würde oder zumindest die Anfrage hierfür gemacht würde, denn wir als Agentur haben für diesen Auftrag KEINE Anfrage erhalten.

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