Kommentar: Pisa – Unser Schulwesen, ein schiefer Turm

Mit großem Trara wurden diese Woche die Ergebnisse der Pisa-Studie bekannt gegeben. Sondersendungen, bunte Grafiken und zahlreiche Artikel zeigen, wie gut oder schlecht Schüler im internationalen Vergleich abschneiden. Dabei sollte man die Studie weniger als Vergleichsinstrument, sondern als wichtiges Lehrstück über die jeweilige Schulpolitik ansehen.

BRF-Redakteurin Anne Kelleter

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Pisa ist für zwei Dinge bekannt: einen schiefen Turm und eine internationale Vergleichsstudie an Schülern. Das ist ein guter Vergleich, denn genau wie der berühmte Turm, der trotz Schieflage schon seit Jahrhunderten steht, steht auch das westliche Schulwesen.

Pisa zeigt ein paar ganz offensichtliche Zustände. Zum Beispiel, wie wenig Chancengleichheit zwischen „westlicher Welt“ und den Entwicklungsländern herrscht und dass gute Schulbildung offensichtlich auch mit hohem Lebensstandard zusammenhängt.

Dann zeigt Pisa noch einige Dinge, die nur manche überraschen. Zum Beispiel, wie wenig Chancengleichheit mitten in Europa zwischen Mädchen und Jungen und allgemein zwischen sozialen Schichten herrscht. Hier schneidet die DG zum Glück relativ gut ab, aber in der Gesamtwertung muss in Belgien da noch mehr passieren.

Einige Fakten aber werden gar nicht dargestellt. Zum Beispiel, wie unterschiedlich die Wege sind, die zu Spitzenresultaten führen. Und genau da liegt der Knackpunkt der Studie. Bei Pisa liegen sowohl Finnland als auch Singapur ganz vorne. Dabei sind die Schulsysteme beider Länder grundverschieden. In Finnland besteht ein modernes, offenes Schulsystem, das viel auf selbstständiges Lernen und Miteinander setzt. In Singapur werden Schüler rund um die Uhr gedrillt, um diese Leistungen zu erreichen.

Mehrere Wege führen zum Ziel – das sollte eigentlich eine gute Nachricht sein. Aber sollte nicht auch die persönliche Freiheit der Kinder in den Resultaten eine Rolle spielen? Besonders weil Pisa nach eigenen Angaben den Anspruch erhebt, neben dem Schulwissen auch die Fähigkeit darzustellen, wie dieses Wissen im Alltag eingesetzt wird, sollte die soziale Komponente schwerer wiegen.

Das haben auch die Studienmacher, die viel Zeit und Überlegung in die Fragestellung stecken, erkannt. Deshalb wurden dieses mal auch die persönliche Motivation und die Freude der Schüler an den Naturwissenschaften abgefragt. In der DG gibt das ein eher durchwachsenes Ergebnis. Gerade mal knapp 60 Prozent haben Spaß an den Naturwissenschaften und nur 20 Prozent wollen später auch in diesem Bereich arbeiten. Wenn man bedenkt, in wie vielen Bereichen Naturwissenschaften Anwendung finden, ist das bedauerlich.

Schulwesen ist Gleichmacherei sagen viele. Trotzdem trauen sich viele Eltern nicht, auf Alternativen zu klassischen Regelschulen zu setzen. So wird der Nachwuchs in die Regelschule geschickt, egal, welche Begabung oder persönliche Interessen vorhanden sind. Das tut einigen nicht gut. Sehr schwache Schüler werden, dank intensiver Arbeit im Förderbereich, relativ gut aufgefangen. Die Hochbegabten aber fallen aus dem Raster. Das muss sich ändern, denn sonst fehlt dem Turm die Spitze. Und auch Schüler, die ein oder mehrere Jahre gedoppelt haben, brauchen mehr Hilfe, denn es geht hier immerhin um mehr 36,6 Prozent der Schüler in der DG. Weil deren Förderung je nach Schulen unterschiedlich ist, müssen hier Regelungen her – vielleicht eine sinnvolle Erweiterung für das viel gepriesene Förderschuldekret.

Der Turm Schulwesen steht aber genau bei solchen Gruppen ziemlich schief. Mehr als ein Drittel des Haushaltsbudgets wird für das Bildungswesen ausgegeben. Die Infrastruktur wurde aufwändig renoviert und erweitert. Die Menschen im System kommen aber nach wie vor zu kurz. Die Aufwertung des Lehrerberufes gelingt trotz zahlreicher Anstrengungen nicht und bei den Kernkompetenzen für unsere Grenzregion, wie zum Beispiel den Sprachen, fehlen vielen Schülern Kenntnisse. Das ist ein Arbeitsauftrag, den die Verantwortlichen in Regierung und Parlament besser und schneller ausführen müssen. Wir haben eine solide Basis – jetzt liegt es an ihnen, den Turm auch zu richten.

Anne Kelleter - Foto: Achim Nelles/BRF

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3 Kommentare
  1. Monique Kelleter

    Toller Kommentar Anne.

  2. frohgemut

    die ganztagsschule ist das schulsystem der zukunft,den in einer ganztagsschule kann man gezielter förderprogramme anbieten-und da man eine längere zeit miteinander verbringt,wird auch das soziale verhalten untereinander mehr gefördert-

  3. Ramscheid Bernard

    Hallo, Herr oder Frau Frohgemut, die Ganztagsschule ist schon seit alten Zeiten Gegenwart. Was aber nirgendwo erwähnt wird, das ist die Rolle der Eltern bei den Pisaresultaten. Oder besser gesagt, die Rolle, welche die Eltern leider nicht mehr spielen, sei es aus Mangel an Zeit oder aus Mangel an Interesse. Alle Verantwortung wird meistens auf die Lehrer abgewälzt. Wenn nun die Verantwortlichen im Schulwesen die Lehrer in Ruhe ihren Job ausüben ließen, würde die Situation schon besser aussehen. Aber heute werden sie regelmäßig von Versammlungen und neuen Wundermethoden bombardiert. Wo bleibt da noch die Zeit, um dem Unterrichten gerecht zu werden?

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