Gaston Lagaffe wird 60

Grüner Schlabberpulli, schwarze Jeans, ausgelatschte Espadrilles, zerzauste schwarze Haare und ein schlurfender Gang... Klingelt es? Die Rede ist von Gaston Lagaffe, dem faulsten und zugleich lustigsten Büroboten der Welt, dem Comic-Helden aus der Feder des genialen belgischen Zeichners André Franquin. Der scheinbar ewig junge Gaston wird am Dienstag stolze 60 Jahre alt.

Comic-Held Gaston Lagaffe wird 60

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Fußspuren ziehen sich durch die Ausgabe Nummer 985 der belgischen Comiczeitschrift Spirou – und irgendwann, ein paar Seiten weiter, weiß man auch, wem die Schuhabdrücke gehören: Ein schlaksiger Typ mit schwarzen Haaren und hohlem Blick steht in der Redaktionstüre. Einen schlecht sitzenden Anzug hat er an, nebst roter Fliege.

28. Februar 1957: Der erste Auftritt von Gaston Lagaffe. Seinen Namen erfahren die Leser übrigens erst einige Wochen später. Erstmal produziert er nur Chaos. Einmal z.B. ist sein Kopf wohl in die Kopiermaschine geraten und verdeckt den ganzen Artikel. Bis ihn irgendeiner fragt: „Was machen Sie eigentlich hier?“. Seine Antwort: „Weiß nicht! Man hat mir gesagt, ich soll hier arbeiten kommen“.

Liebling der Spirou-Leser

„Wir wollten einen Fremdkörper in der Zeitschrift“, sagte Yvan Delporte in der RTBF, der damalige Chefredakteur von Spirou. Der „Held ohne Beschäftigung“ war die Idee von André Franquin. Lucky Luke ist Cowboy, Tintin ist Reporter und Gaston ist eben gar nichts. Er habe eigentlich die Idee gehabt, eine Figur auftreten zu lassen, die eigentlich zu dumm dafür ist, erinnerte sich später auch Franquin. Das Schöne an Yvan Delporte, dem Chefredakteur, war, dass er jeden Blödsinn gleich mitmachte.

Erstmal produziert Gaston also in jeder Ausgabe eine „Gaffe“, ein Schlamassel pro Woche. Irgendwann stößt Franquin aber mit diesem Konzept an Grenzen. Und er macht seinem Chefredakteur einen Vorschlag: Sollen wir nicht aus dieser Figur, die eigentlich zu dumm ist, um in einem Comic aufzutreten, ein Comic machen? „Das Witzige war“, sagt Yvan Delporte, „dass all die schlauen Marketing-Leute meinten, das Gaston keinen Erfolg haben würde. Ein Anti-Held – das wolle doch keiner sehen…“

Was für eine Fehleinschätzung. Gaston wird schnell zum Liebling der Spirou-Leser. Als die Redaktion vorgibt, Gaston wegen Faulheit entlassen zu wollen, gehen unzählige wütende Briefe von empörten Fans ein…

Franquin zeichnete seinerzeit eigentlich in erster Linie die Abenteurer von Spirou und Fantasio. Gaston, der seine eigene Kreation ist, entwickelt sich aber zu seiner Lieblingsfigur. Ab dem Ende der 60er Jahre konzentriert sich Franquin – abgesehen von den Idées noires – quasi ausschließlich auf Gaston. Und er amüsiert sich sichtbar. Immer, wenn er seine Arbeit an Gaston in Interviews erläutert, muss er lachen. Das Lustige sei doch, wenn Gaston irgendwelchen Krempel mitbringt, der in einem Büro gar nichts zu suchen hat, sagte Franquin in der RTBF. Echt nach dem Motto: Ich bin hier nicht zum Arbeiten, sondern zum Spielen. Besonders gefährlich wird es, wenn Gaston anfängt zu kochen oder wenn er gar den Chemiekasten mitbringt und irgendwelche Flüssigkeiten zusammenschüttet.

Knapp 1.000 Gags mit Gaston Lagaffe

Fakt ist: Gaston hat das Büro des Öfteren völlig verwüstet und seinen Chef und die Kollegen dabei zugleich in den Wahnsinn getrieben. Ein berühmter Running Gag ist auch die Geschichte des Geschäftsmannes De Mesmaeker, zu Deutsch Bruchmüller, der immer wieder mit dem Verlagshaus Verträge abschließen will, die aber wegen diverser, von Gaston produzierter Katastrophen, nie zustande kommen. Unvergessen auch die Tiere, die Franquin auftreten lässt, angefangen bei der verrückten Katze und der hämischen Lachmöwe.

In späteren Jahren zeigt Franquin über seine Lieblingsfigur aber auch seine engagierte Seite. Gaston wird zum Werbeträger, unter anderem in Kampagnen für Unicef, Amnesty International und Greenpeace.

Insgesamt knapp 1.000 Gags produzierte Franquin mit Gaston Lagaffe. Das letzte reguläre Album erschien im Dezember 1996. Einen Monat später, am 5. Januar, starb Franquin im Alter von 73 Jahren. Zeichnen sei doch letztlich eigentlich was für Kinder, sagte Franquin einmal. Naja, dann sei er eben in gewisser Weise ein Kind geblieben…

Roger Pint - Bild: Jacques Collet/BELGA

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